Vertrieb im Wandel #2: Community Building im Key Account Management

Der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­psy­cho­lo­ge Chri­sti­an Bern­hardt beschreibt in sei­ner Kolum­ne, wel­che Fähig­kei­ten für das Key Account Manage­ment essen­zi­ell sind. Teil zwei beschreibt die Eigen­dy­na­mi­ken ver­schie­de­ner Gruppen. 

Bei der Entscheidungsfindung oder bei Vertragsabschlüssen sitzen mitunter zahlreiche Personen am Tisch, die das Key Account Management überzeugen muss. Abbildung: Baranq, Depositphotos
Bei der Ent­schei­dungs­fin­dung oder bei Ver­trags­ab­schlüs­sen sit­zen mit­un­ter zahl­rei­che Per­so­nen am Tisch, die das Key Account Manage­ment über­zeu­gen muss. Abbil­dung: Baranq, Depositphotos

Haben Sie schon ein­mal erlebt, dass ein Kun­de im Vier­au­gen­ge­spräch von Ihrer Lösung hell­auf begei­stert war, aber im gros­sen Gre­mi­um plötz­lich stumm blieb oder gar in die all­ge­mei­ne Skep­sis der Kol­le­gen ein­stimm­te? Dann sind Sie damit nicht allein. In unse­rer immer kom­ple­xer wer­den­den Welt sit­zen bei Lösungs­ver­käu­fen im Schnitt ein Dut­zend Ent­schei­der am Tisch. Und las­sen sich von der Mei­nung ihrer Kol­le­gen mit­un­ter stär­ker beein­flus­sen als von den guten Argu­men­ten des Key Account Manage­ment (KAM). Die Ursa­che für die­sen Effekt ist, dass Grup­pen eigen­stän­di­ge Syste­me dar­stel­len, die völ­lig ande­ren Geset­zen fol­gen als Einzelpersonen.

Das Immunsystem der Gruppe

Grup­pen haben nicht nur eine höhe­re Form der Intel­li­genz. Um das eige­ne Über­le­ben zu sichern, ver­fü­gen sie auch über ein eige­nes „Immun­sy­stem“, des­sen Ziel es ist, den aktu­el­len Sta­tus quo gegen neue Ideen zu ver­tei­di­gen. Das führt dazu, dass all­zu revo­lu­tio­nä­re Vor­schlä­ge und Lösungs­an­sät­ze als Angriff gewer­tet wer­den und hef­ti­ge Gegen­wehr pro­vo­zie­ren kön­nen. Anstatt die Vor­schlä­ge objek­tiv zu prü­fen, ern­ten KAM dann Kil­ler­phra­sen wie „In der Theo­rie klingt das ja gut, in der Pra­xis funk­tio­niert das aber bei uns nicht!“ oder auch das alt­be­kann­te „Never chan­ge a run­ning system!“.

Der Herdentrieb und das Asch-Experiment

Das führt zur Fra­ge, war­um die Unter­stüt­zer des KAM in sol­chen Momen­ten oft so zag­haft blei­ben: Die Ursa­che liegt in einer tief ver­wur­zel­ten Angst vor sozia­lem Aus­schluss. Der Psy­cho­lo­ge Solo­mon Asch wies bereits in den 1950er-Jah­ren in sei­nem berühm­ten Kon­for­mi­täts-Expe­ri­ment nach, wie extrem unser archai­scher Her­den­trieb wirkt. Pro­ban­den soll­ten offen­sicht­lich unter­schied­lich lan­ge Lini­en ver­glei­chen. Das erschrecken­de Ergeb­nis: Unter sozia­lem Druck pass­ten sich 37 Pro­zent der Teil­neh­mer wider bes­se­ren Wis­sens einer völ­lig fal­schen Mehr­heits­mei­nung an, nur um nicht als Aus­sen­sei­ter aufzufallen.

Für Ver­kaufs­prä­sen­ta­tio­nen im KAM bedeu­tet das: Der Kon­for­mi­täts-Effekt ist in jedem Mee­ting dabei. Wenn nach dem Pitch oder einem Vor­schlag die ersten Wort­mel­dun­gen kri­tisch in das­sel­be Horn stos­sen, eta­bliert sich augen­blick­lich ein nega­ti­ver Tenor. Die erhoff­te kol­lek­ti­ve Intel­li­genz der Grup­pe kippt in „Schwarm­d­umm­heit“ um und der Rest der Ent­schei­der traut sich kaum noch, offen gegen die sich bil­den­de Grup­pen­mei­nung zu argumentieren.

Was können KAM in solchen Situationen tun?

  1. Steu­ern Sie die Rei­hen­fol­ge: Asch fand her­aus, dass bereits ein posi­ti­ver Bei­trag dazu bei­trug, dass die Pro­ban­den stär­ker zu ihrer Mei­nung stan­den. Über­las­sen Sie nach einer Prä­sen­ta­ti­on die erste Wort­mel­dung also nicht dem Zufall oder dem lau­te­sten Nörg­ler. Ertei­len Sie statt­des­sen gezielt jenen Teil­neh­mern das Wort, deren wohl­wol­len­de non­ver­ba­le Signa­le (offe­ne Hal­tung, freund­li­che Mimik, Kopf­nicken) einen posi­ti­ven Bei­trag erah­nen las­sen. So set­zen Sie einen kon­struk­ti­ven Anker.
  2. Nut­zen Sie die Macht der Schrift­lich­keit: Asch fand in abge­wan­del­ten Expe­ri­men­ten her­aus, dass die blin­de Anpas­sung an die Grup­pe dra­stisch sank, wenn die Pro­ban­den ihre Mei­nung zunächst schrift­lich fixier­ten. Las­sen Sie die Teil­neh­mer ihre Ein­drücke kurz auf­schrei­ben, bevor in der gros­sen Run­de dis­ku­tiert wird. So durch­bre­chen Sie das „Grup­pen­den­ken“ und geben auch den lei­se­ren Befür­wor­tern eine gewich­ti­ge Stimme.

Dar­über hin­aus ist es ent­schei­dend, dass der KAM die abweh­ren­de Hal­tung eines Gre­mi­ums nicht als per­sön­li­chen Angriff ver­steht, son­dern sport­lich damit umgeht. Hier­bei hel­fen die Metho­den und Tech­ni­ken zur sou­ve­rä­nen Grup­pen­füh­rung im näch­sten Teil unse­rer Kolumne.

Chri­sti­an Bernhardt,

Kom­mu­ni­ka­ti­ons­psy­cho­lo­ge, Kör­per­spra­chen­trai­ner, Coach, Autor.

bernhardt-trainings.com