Die Zukunft findet sich nicht in einer Kristallkugel

Sich mit der Zukunft der Arbeit zu beschäf­ti­gen bedeu­tet auch, sich auf die­se vor­zu­be­rei­ten. Wir spra­chen mit dem Schwei­zer Zukunfts­for­scher Lars Thom­sen über die Digi­ta­li­sie­rung der Arbeits­welt, Block­chain-Tech­no­lo­gien und künst­li­che Intel­li­genz.

Künstliche Intelligenz, Software und Blockchain-Technologien werden das zukünftige Arbeiten entscheidend prägen. Abbildung: Thisisengineering, Pexels
Künst­li­che Intel­li­genz, Soft­ware und Block­chain-Tech­no­lo­gien wer­den das zukünf­ti­ge Arbei­ten ent­schei­dend prä­gen. Abbil­dung: Thi­sis­en­gi­nee­ring, Pexels

Büroblog Schweiz: Ihre Mutter war Kindergärtnerin, Ihr Vater Bauingenieur. Bei Diskussionen ging es in der Familie wahrscheinlich des Öfteren mal hoch her, wenn Vision auf Realität getroffen ist. Was haben Sie für sich daraus mitnehmen können?

Lars Thom­sen: Schö­ne Fra­ge. Als Kind und Her­an­wach­sen­der erfuhr ich die Span­nung zwi­schen dem Träu­men oder Aus­le­ben der Krea­ti­vi­tät und der Fra­ge des Mach­ba­ren. Ich lern­te, dass man erst etwas bau­en kann, wenn es auch den phy­si­ka­li­schen Geset­zen genügt. Gleich­zei­tig lern­te ich, mich mit kri­ti­schen Fra­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen: „Braucht das jemand?“ oder „Ist das sinn­voll?“ Dabei habe ich gemerkt, dass Uto­pie – also Gedan­ken über Din­ge, die es noch nicht gibt – eine wich­ti­ge Rol­le spielt, aber eben auch die tech­ni­schen und öko­no­mi­schen Dimen­sio­nen nicht ver­nach­läs­sigt wer­den dür­fen. Wenn wir also von Inno­va­ti­on und Zukunft spre­chen, müs­sen wir uns über­le­gen, wie sie sich umset­zen las­sen. Wir müs­sen aber auch bereit sein, uns etwas vor­zu­stel­len, das es noch nicht gibt. Uto­pie bedeu­tet, dass wir unse­ren Kopf und unse­re Krea­ti­vi­tät nut­zen und uns die Zeit und den Raum neh­men, zu über­le­gen, wie es wäre, wenn.

Das klingt zunächst ziemlich einfach.

Vie­len Men­schen fällt es schwer, sich dar­auf ein­fach mal ein­zu­las­sen. Natür­lich dür­fen wir nicht nur Luft­schlös­ser bau­en, Träu­mer und Fan­ta­sten sein. Und natür­lich braucht es auch genau­so vie­le oder gar mehr, die all das umset­zen kön­nen. Die Fra­ge „Glau­be ich an das eine oder an das ande­re?“ kann dabei zu hit­zi­gen Dis­kus­sio­nen füh­ren. Mit­tel- bis lang­fri­stig wer­den sich jedoch die Inno­va­tio­nen durch­set­zen, die Men­schen mögen und für die sie bereit sind, Geld aus­zu­ge­ben, da ihr Leben damit bes­ser wird. Inso­fern wer­den Inno­va­to­ren erste Ange­bo­te ent­wickeln, die Men­schen aus­pro­bie­ren kön­nen und auf deren Basis sie sich ihre Mei­nung bil­den.

Für erfolg­rei­che Inno­va­tio­nen bedarf es drei­er Din­ge: Ein Quänt­chen Uto­pie, die Prü­fung des Mög­li­chen und inno­va­ti­ve Men­schen, die den Mut haben, sie aus­zu­pro­bie­ren. Dann ent­schei­det der Kun­de, ob die Ideen erfolg­reich wer­den oder nicht. Wich­tig dabei ist, dass wir uns mit Din­gen aus­ein­an­der­set­zen und Ent­schei­dun­gen auf einer infor­mier­ten Basis tref­fen, anstatt es allein unse­rem Bauch­ge­fühl zu über­las­sen oder der Fra­ge, wor­an wir glau­ben oder eben auch nicht.

Was macht ein Zukunftsforscher eigentlich? Wie viel von Ihrer Arbeit besteht aus dem Blick in die Kristallkugel und wie viel macht die Analyse bzw. die Auswertung von Daten und Fakten aus?

Es gibt eine lan­ge Ant­wort und eine kur­ze. Ich fan­ge mal mit der kur­zen an. Am besten arbei­tet man als Zukunfts­for­scher, wenn man neu­gie­rig bleibt und mit mög­lichst vie­len Leu­ten spricht, die an der Zukunft arbei­ten. Zukunfts­for­schung hat also weni­ger mit dem Lesen einer Kri­stall­ku­gel und dem Aus­wer­ten und Ana­ly­sie­ren von Daten und Fak­ten aus der Ver­gan­gen­heit zu tun. Ich ver­brin­ge viel mehr Zeit damit, mich mit den Gedan­ken oder The­men inno­va­ti­ver Men­schen zu beschäf­ti­gen, von denen ich lese oder höre – das kön­nen Bei­trä­ge auf einem Kon­gress sein, Fach­ar­ti­kel oder Per­so­nen, die neue Kon­zep­te vor­schla­gen. Dann über­le­ge ich mir, wie ich die­se Uto­pie ein­schät­ze und wie, wann sowie zu wel­chen Kosten dies umzu­set­zen wäre.

Oft­mals tre­ten wir dann auch in einen direk­ten Aus­tausch mit die­sen Men­schen. Wir fra­gen unse­re Gesprächs­part­ner, zu wel­chem Zeit­punkt sie die Tip­ping-Points erwar­ten, wann sie die Dis­rup­ti­on erwar­ten oder wie es um die öko­no­mi­schen Aspek­te steht. Wenn man jedes Jahr mit hun­der­ten von Leu­ten spricht, die an der Zukunft arbei­ten, bekommt man ein gutes Bild davon, was im Moment so läuft und wor­an gear­bei­tet wird. Zukunfts­for­schung ist also kei­ne Voo­doo-Wis­sen­schaft, kein Kri­stall­ku­gel­lesen oder eine beson­de­re Fähig­keit, son­dern eine gute Mischung aus Neu­gier und Spass an Inno­va­tio­nen.

Lars Thomsen, Zukunftsforscher, Future Matters AG. Abbildung: Future Matters/Jorma Mueller
Lars Thom­sen, Zukunfts­for­scher, Future Mat­ters AG. Abbil­dung: Future Matters/Jorma Muel­ler

Aber macht Veränderung nicht auch Angst?

Ich den­ke, dass wir nur Angst vor den Din­gen haben, die wir nicht ken­nen – und das lässt sich auf zahl­rei­che Berei­che unse­res Lebens und unse­rer Kul­tur über­tra­gen. Hat man kei­nen Kon­takt zu ande­ren Kul­tu­ren, hat man wahr­schein­lich mehr Angst davor, als wenn man damit schon als Kind auf­ge­wach­sen ist. Sobald man die Men­schen aus ande­ren Kul­tu­ren ken­nen­lernt, merkt man, dass sie ähn­li­che Gedan­ken, Gefüh­le und The­men haben wie man selbst und dann baut sich die Angst ganz von allein ab. Mit Zukunft und Inno­va­tio­nen ist es eigent­lich genau­so. Sobald man sich zum Bei­spiel mit künst­li­cher Intel­li­genz beschäf­tigt, kann man die­se bes­ser dif­fe­ren­zie­ren und kann somit deren Poten­zia­le und Gefah­ren bes­ser ein- und abschät­zen.

In der ECM-Branche werden immer noch strukturierte digitale Daten in ein Papierdokument konvertiert, das dann beim Empfänger später wieder mit ECM-Lösungen digitalisiert wird. Wie sehen Sie dieses Thema?

Ich bin immer wie­der erstaunt, wie lan­ge Pro­zes­se dau­ern. Schliess­lich haben wir schon in den 1980er- und 1990er-Jah­ren über Medi­en­brü­che gespro­chen und es ist ein­fach kom­plett logisch, dass das Abtip­pen von Doku­men­ten oder Aus­drucken von Rech­nun­gen tota­ler Wahn­sinn ist. Mei­ner Mei­nung nach ist der Begriff „Digi­ta­li­sie­rung“ bei Wei­tem kei­ner, der beschreibt, was im Moment statt­fin­det. Digi­ta­li­sie­rung ist der Trend, bei dem wir von ana­lo­gen Tech­no­lo­gien auf digi­ta­le umschwen­ken. Eigent­lich haben wir auch schon fast alles digi­ta­li­siert – bis auf eben die­se noch ver­blie­be­nen Brü­che oder Schnitt­stel­len. Sie kosten Unter­neh­men und Volks­wirt­schaf­ten enorm viel Pro­duk­ti­vi­tät und Geld. Natür­lich spie­len recht­li­che Aspek­te, wie kon­se­quent sich die Gesetz­ge­bung mit die­sen Poten­zia­len aus­ein­an­der­setzt, eben­falls eine Rol­le. Doch wir ste­hen immer stär­ker in einem glo­ba­len Wett­be­werb um Effi­zi­enz und Qua­li­tät, sodass die­sem Pro­blem mehr Auf­merk­sam­keit gewid­met wer­den wird.

Auch Neben­trends, wie Block­chain-Tech­no­lo­gien und künst­li­che Intel­li­genz, wer­den zukünf­tig einen gros­sen Ein­fluss dar­auf haben, wie wir Pro­zes­se defi­nie­ren und ver­ste­hen. Vie­le Rou­ti­nen, die heu­te noch von Men­schen bear­bei­tet wer­den, wer­den in naher Zukunft kom­plett von intel­li­gen­ten IT-Syste­men über­nom­men. Dies ist ein gros­ser Umbruch, der für vie­le Men­schen den Begriff Arbeit neu defi­nie­ren wird. Ich spre­che immer gern von 260 Wochen, also den kom­men­den fünf Jah­ren. Es sieht so aus, als wür­de die­ser Umbruch in die­ser Zeit in wei­ten Tei­len unse­rer Wirt­schaft voll­zo­gen wer­den. Denn jetzt kom­men die­se ver­schie­de­nen Tech­no­lo­gien zusam­men – sie sind ver­füg­bar, sie sind stan­dar­di­siert und sie machen auf ein­mal in ihrer intel­li­gen­ten Kom­bi­na­ti­on Sinn. Sie nicht zu nut­zen, kommt im Grun­de genom­men einer Kapi­tu­la­ti­on gleich.

Muss also der Begriff des Arbeitens neu gedacht werden?

Ja, genau. Bis die Dampf­ma­schi­ne erfun­den wur­de, dach­ten wir, dass Arbeit und Pro­duk­ti­on durch die Knapp­heit von Mus­keln beschränkt ist. Die­se sin­gu­lä­re Inno­va­ti­on hat in den Fol­ge­jahr­zehn­ten unse­re gesam­te Indu­strie und Gesell­schaft ver­än­dert, weil auf ein­mal eben nicht mehr die Mus­kel­kraft das bestim­men­de Ele­ment unse­rer Arbeit war, son­dern unser Kön­nen, unser Wis­sen – und unse­re Fähig­keit, mit der Muster­er­ken­nung unse­res Gehirns zu ler­nen und Pro­zes­se zu gestal­ten.

Bei Future Mat­ters wer­ten wir die künst­li­che Intel­li­genz als die neue Dampf­ma­schi­ne unse­res Jahr­hun­derts, weil wir jetzt kom­plett neu defi­nie­ren, was die Inhal­te pro­duk­ti­ver Tätig­kei­ten sind. Wir müs­sen uns dar­auf ein­stel­len, dass eine E-Mail zu lesen, sie zu ver­ste­hen und dar­auf zu ant­wor­ten zukünf­tig kei­ne Arbeit mehr sein wird. Sel­bi­ges gilt für die Fra­ge der Wert­schöp­fung: „Bin ich bereit, jeman­dem 5.000 Euro im Monat zu bezah­len, damit er an einer Maschi­ne sitzt und E-Mails liest, emp­fängt oder mei­ne Rech­nun­gen ver­bucht?“ Die Ant­wort dar­auf ist ganz klar: nein!

Nicht nur Corona, sondern auch eine neue Mitarbeitergeneration hat das Denken über den Sinn der Arbeit und über Mitarbeiterführung verändert. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Eigent­lich sind wir Men­schen immer auf der Suche danach, unser Leben ange­neh­mer, kom­for­ta­bler oder weni­ger arbeits- und stress­in­ten­siv zu machen. Eigent­lich ist das, was jetzt pas­siert, Teil einer gan­zen Ket­te der mensch­li­chen Inno­va­ti­on. Wir sit­zen der­zeit oft Nine-to-five am Schreib­tisch, ohne unser Tun nur ansatz­wei­se infra­ge zu stel­len. Auf der ande­ren Sei­te sehen wir Leu­te, die sehr selbst­be­stimmt ler­nen, arbei­ten, rei­sen und dar­über nach­den­ken, wie, wann und wo sie arbei­ten möch­ten. Und das alles, weil die Digi­ta­li­sie­rung es mög­lich macht. Allein in den letz­ten 260 Wochen haben sich neue Beru­fe und Tätig­kei­ten gebil­det, für die es noch nicht ein­mal Aus­bil­dungs­gän­ge gibt. Wir soll­ten viel­leicht ein­fach mal ein biss­chen hin­ter die Kulis­sen schau­en und uns fra­gen, was das mög­lich macht, was es bedeu­tet und was wir dar­aus ler­nen kön­nen.

Wir ste­hen kurz vor einem wei­te­ren rie­si­gen Umbruch, der für unse­re Gesell­schaft, Wirt­schaft und Poli­tik sicher nicht ein­fach wer­den wird. Für eini­ge wird er gut sein, aber vie­le Leu­te wer­den auch ver­su­chen, die­sen Umbruch zu bekämp­fen oder zu ver­zö­gern. Es ist unse­re Ent­schei­dung, ob wir mit Umbrü­chen und Inno­va­tio­nen pro­duk­tiv und wert­stif­tend umge­hen oder dar­auf hof­fen, dass alles bleibt, wie es immer war.

Vielen Dank.